Dienstag, 8. November 2016

Interview mit Charlotte Lucas alias Wiebke Lorenz


Natürlich habe ich auch dieses Jahr wieder die Frankfurter Buchmesse besucht und hatte an meinem ersten Messetag auch gleich die große Ehre gehabt Wiebke Lorenz anlässlich ihres neusten Romans zu interviewen. Eine halbe Stunde plauderten wir nicht nur über Dein perfektes Jahr, meine Rezension könnt ihr übrigens hier nachlesen, sondern auch wie sie zum Schreiben gekommen ist.

Steffi: Als Thrillerleserin kenne ich natürlich deine Psychothriller und wusste nur, dass du auch unter einem Pseudonym mit deiner Schwester schreibst. Ich war sehr erstaunt, als ich dann auch noch auf weitere Pseudonyme gestoßen bin. Hier würde mich interessieren, wie du auf die Namensgebung deiner Pseudonyme kommst und wie „Charlotte Lucas“ entstanden ist?
Wiebke: Ich schreibe mittlerweile als Wiebke Lorenz hauptsächlich Psychothriller. 1998 habe ich als Wiebke Lorenz meinen allerersten Roman, eine Komödie, veröffentlicht. Es folgten zwei weitere Komödien und habe anschließend mit Wiebke Lorenz etwas pausiert und mit meiner Schwester „Anne Hertz“ ins Leben gerufen. Wir haben uns für das gemeinsame Pseudonym „Anne Hertz“ entschieden, das quasi wie ein Bandname fungiert, denn wir fanden beide, dass sich auf dem Cover unsere beiden Namen Wiebke Lorenz und Frauke Scheunemann einfach zu sperrig liest. Zudem passte "Anne Hertz" auch ganz gut zu dem Genre Chick-Lit. Nachdem ich als Wiebke Lorenz dann schon eine ganze Zeit nichts mehr veröffentlicht habe, habe ich mir überlegt, dass ich eigentlich unter meinem richtigen Namen was anderes als Komödien machen wollen würde und zwar das komplette Gegenteil, nämlich Psychothriller. Psychothriller deswegen, weil ich diese selber  auch sehr gerne lese und mich das schon immer sehr gereizt hat. Es folgte somit ein Genrewechsel unter meinem richtigen Namen. Ich hatte natürlich Sorge, ob die Leser und Buchhändler diesen Wechsel annehmen würden, aber das hat ganz gut geklappt. 
Und so kam es dann dazu, dass die bezaubernde Lektorin von Bastei Lübbe, Bettina Steinhage, unheimlich gerne mit mir ein Buch in dem Genre Happy Tears machen wollte. Also eher etwas Nachdenkliches, etwas Romantisches, ein bisschen lustig aber dennoch auch wieder ein bisschen traurig, ein Buch über den Sinn des Lebens. Ich habe zugesagt, allerdings war von Anfang an klar, dass dies weder unter „Anne Hertz“ (weil es kein Chick-Lit ist und es nicht mit meiner Schwester zusammen ist) noch unter Wiebke Lorenz, veröffentlicht werden konnte.
Aus diesem Grund musste ein neues Pseudonym her, wobei dazu gesagt werden muss, dass "Charlotte Lucas" ein offenes Pseudonym ist, d. h. es steht auch so im Buch, dass „Charlotte Lucas“ ein Pseudonym von mir ist und wird auch so nach außen kommuniziert. Folglich mussten wir einen neuen Namen suchen und tatsächlich ist es so, dass meine Urururgroßmutter tatsächlich Charlotte Lucas hieß. Ich habe also tatsächlich in meinen Ahnenunterlagen geblättert und bin alle Namen durchgegangen und fand "Charlotte Lucas" als Pseudonym für dieses Genre sehr passend. 

Steffi: Wie findest du deine Ideen und wie bist du auf die Idee zu Dein perfektes Jahr gekommen? Gab es einen Auslöser?
Wiebke: Das kann ich bei dem Buch gar nicht genau sagen. Irgendwann war auf einmal diese Idee da, jemand findet einen altmodischen Filofax, welcher komplett ausgefüllt ist. Das hat so ein bisschen etwas davon, wie ich finde ein fremdes Tagebuch. Allerdings weiß ich wirklich nicht, wie ich auf die Idee gekommen bin. Sie war einfach auf einmal da.

Steffi: Hattest du bevor du angefangen hast zu schreiben ein komplettes Konzept, oder ergab sich vieles durch das Schreiben?
Wiebke: Wenn ich anfange zu schreiben ist das Konzept schon fertig. Wie gesagt war zu Beginn lediglich die Idee, dass jemand ein Filofax findet. Mit dieser Idee geht es dann ins alleinige und gemeinsame Brainstorming mit meiner Lektorin Bettina Steinhage, denn schließlich ist "jemand findet ein Filofax" noch kein Roman und stellt lediglich eine Momentaufnahme dar. Man fängt einfach an herumzuspinnen: "Was kann sich daraus ergeben?" Zum Beispiel: Was macht denn dieser jemand? Will er den Kalender zurückgeben oder fängt er nach den Terminen an zu leben? Von wem kommt überhaupt der Kalender? Und mit diesen aufgeworfenen Fragen fange ich halt an die Geschichte zusammenzusetzen und damit auch die Figuren zu entwickeln. Im Anschluss erarbeite ich wirklich das komplette Konzept und schreibe dann ein Exposé von 10 bis 15 Seiten.  Mit der Fertigstellung des Exposés fange ich dann an zu schreiben. Manchmal überlege ich mir Dinge "unterwegs" nochmal, habe neue Ideen oder denke, dass das so nicht funktioniert und weiche dann vom Weg ab.

Steffi: Der Klappentext deines neusten Romans Dein perfektes Jahr beantwortet die Frage „Was ist der Sinn deines Lebens“ von zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können. Der griesgrämige Jonathan Grief, der die Antwort schon vor längerer Zeit vergessen hat und Hannah Marx, die das Hier und Jetzt genießen will und barfuß über eine Blumenwiese laufen möchte. Mit welchem Charakter kannst du dich besser identifizieren.
Wiebke: Also ich habe Eigenschaften von beiden in mir. Ich bin mal Hannah, aber merke je älter ich werde desto mehr werde ich wie Jonathan und rege mich über Autofahrer, die zwei Parkplätze blockieren, auf und entwickle so ein paar Schrullen.

Steffi: Gibt es deiner Meinung nach ein Geheimrezept für ein perfektes Jahr?
Wiebke: Das würde ja bedeuten, dass wir der Idee aufsitzen, dass alles machbar ist und das wir wirklich unser Leben zu 100% in der Hand haben. Aber das haben wir glaube ich nicht. Ich glaube schon, dass wir ziemlich viel in der Hand haben und dem Schicksal weniger ausgeliefert sind als manche denken. Ich glaube schon, dass es etwas mit der prinzipiellen Lebenseinstellung zu tun hat. Denn je positiver diese ist, desto mehr spiegelt sich das auch im Leben wider. Rückschläge können besser überwunden werden, wenn man sich sagt, das ist zwar ein Rückschlag aber kein Untergang und weiter geht´s. Ich glaube das Leben wird dadurch ein bisschen perfekter, wenn man mit ein bisschen Leichtigkeit dran geht. Das man sich nicht so schnell aufregt, dass man ein bisschen mehr mit dem Flow lebt und das Leben passieren lässt.
Ich glaube nicht, dass wenn man auf dem Sterbebett liegt, dass man sagt "Ich wünschte ich hätte mehr gearbeitet". Ich glaube das sind andere Dinge, die man sagt, wenn der Tag der Tage gekommen ist: "Ich wünschte ich hätte mehr geliebt", "Ich wünschte ich hätte mehr gelacht", "Ich wünschte ich hätte mich mehr getraut", "Ich wünschte ich hätte mehr verziehen", "Ich wünschte ich hätte weniger gewollt", etc...

Steffi: Stand der Titel Dein perfektes Jahr schon relativ früh fest?
Wiebke: Ja, den Titel hatten wir ziemlich schnell!

Steffi: Wie kam die Gestaltung des Covers zustande?
Wiebke: Ich habe die Covervorschläge gezeigt bekommen und durfte dann sagen, welches mir am besten gefällt. In diesem Fall ist es dann auch genau das Cover geworden.
Ich finde im Verlag ist jeder in seinem Bereich Profi und ich würde sagen ich bin Profi, was das Schreiben angeht. Von daher sag ich zu Beginn, was mir gefällt und halte mich ansonsten zurück und überlasse das den Profis.

Steffi: Auf den letzten Seiten taucht der Name deiner Tochter Luzie auf. Hast du den Namen deiner Tochter bewusst in genau dieses Buch einfließen lassen?
Wiebke: Das war ein kleiner Spaß am Ende. Das ist eine kleine Hommage an meine Tochter.

Steffi: In Dein perfektes Jahr spielt die Verlagswelt auch eine große Rolle. Stand dies zu Beginn fest, oder hat sich dieser Umstand beim Schreiben entwickelt?
Wiebke: Ja, weil es in diesem Buch auch sehr viel um Unterhaltungsliteratur und anspruchsvolle Literatur geht. Zudem geht es eigentlich um das Glück und die Frage, was macht mich glücklich, was macht mich fröhlich. Und jetzt will ich natürlich nicht sagen, dass literarische Bücher nicht fröhlich oder glücklich machen. Dies ist halt Geschmackssache, aber es geht halt darum, was bewegt Menschen im Herzen. Ich fand das passte halt so gut auch zu dem Kalender und dem Verlagsherren, der sich eigentlich schwer tut mit Stoffen, die das Herz berühren.

Steffi: Wir Bücherliebhaber zitieren immer wieder gerne Passagen, die uns besonders berührt haben. Hast du eine Lieblingspassage? Wenn ja, welche wäre dies?
Wiebke: Ich glaube das sind die Momente, wo Hannah über ihre eigene Sterblichkeit nachdenkt. Das hat natürlich viel auch mit mir zu tun. Heute ist der erste Todestag meiner Mutter. Meine Mutter ist genau vor einem Jahr verstorben und Dein perfektes Jahr habe ich nach ihrem Tod geschrieben. Diese Gedanken von Hannah irgendwann sind wir alle mal tot. Ich will nicht sagen Lieblingspassage, aber das mit meiner Mutter hat natürlich ganz viel mit mir gemacht und auch mit meiner Schwester, dass man feststellt, dass wir alle sterblich sind. Das sind zumindest Passagen, die mir sehr nahe gegangen sind.
Und daneben mag ich auch Leopold im Altpapiercontainer sehr gerne.

Steffi: Als was siehst du Dein perfektes Jahr?
Wiebke: Ich würde mir wünschen, wenn Dein perfektes Jahr als modernes Märchen verstanden wird. Ein modernes Märchen über das Schicksal.



Steffi: Du bist in Düsseldorf geboren und wohnst nun in Hamburg. Was vermisst du am Rheinland?
Wiebke: Ich vermisse das rheinische Naturell. Immer wenn ich in der Heimat bin, bin ich es mittlerweile gar nicht mehr gewohnt, dass sich wildfremde Menschen vom Nebentisch plötzlich ins Gespräch einmischen. Neulich war ich bei meiner Cousine in Köln und mir ist der Autoschlüssel unters Auto gefallen und als ich mich runtergekniet habe, ist ein älterer Mann stehen geblieben und fragt "Wat suchst da nu?". So etwas würde in Hamburg nicht passieren und diese direkte Art vermisse ich schon sehr.

Steffi: Was hat dich dazu bewegt mit dem Schreiben zu beginnen?
Wiebke: Genau genommen wollte ich Musik studieren und habe neben der Schule als Taschengeld Zuverdienst Konzertkritiken für die Rheinische Post für die Grevenbroicher Zeitung geschrieben und so kam dann eigentlich die Freude zum Schreiben. 
Und so ist es dazu gekommen, dass ich statt Musik dann Journalismus studiert habe. Nach dem Studium habe ich dann aus Spaß vor allem Kurzgeschichten geschrieben. Mein damaliger Freund hat dann auch mal was von mir gelesen und er war  Feuer und Flamme. Er war es, der gesagt hat, dass ich mal ein Buch schreiben solle, einen Roman. Er hat mich wirklich so gepushed und mich immer wieder darauf angesprochen und gesagt, dass er jeden Tag 10 Seiten lesen möchte. Und so war es dann auch und er hat dann jeden Abend gelesen und an den Rand seine Kommentare geschrieben bis der Roman fertig war. 

Als nächstes hat er dann per Hand - zu der Zeit gab es das liebe Internet noch nicht - alle Verlage rausgesucht und ist in die Buchhandlungen gegangen und hat dort nach den Vorschauen gefragt, um zu schauen, welche Verlage meinem Roman passen und hat das Manuskript dann an verschiedene Verlage geschickt. Und so habe ich dann den Vertrag bei Rowohlt bekommen.

Der erste Chick-Lit Roman von Wiebke Lorenz lautet übrigens "Männer bevorzugt".

Steffi: Wie schaut dein Schreiballtag aus?
Wiebke: Leider bin ich da nicht so diszipliniert wie ich gerne wäre. Es gibt Kollegen, die schreiben wirklich jeden Tag ihre 5 bis 10 Seiten und dann ist am Ende des Jahres halt ein Buch fertig.
Ich bin da leider so, dass ich meine Tochter bis 9 Uhr in den Kindergarten bringen muss und habe dann von 9 Uhr bis 16 Uhr Zeit. In dieser Zeit wird dann Wäsche gewaschen, die Küche aufgeräumt, mit der Freundin telefoniert und Kaffee getrunken und das praktiziere ich so vor mich hin. Und dann vier Monate vor Buchabgabe werde ich dann langsam sehr viel fleißiger, bis ich dann um kurz vor 12 dann in Tages- und Nachtschichten in einem beispiellosen Kraftakt das Buch zu Ende schreibe. Ich bin ein totaler Saisonarbeiter. Ich nehme mir auch mit jedem Buch vor es anders zu machen und es klappt nie.
Das ganze stellt dann auch regelrecht ein Rechenexempel dar:
Wenn ich es heute bis zum Termin noch schaffen will, muss ich  ab sofort jeden Tag 3 Seiten schreiben. Wenige Wochen später sind es dann jeden Tag 6,5 Seiten und das führt dann letztendlich dazu, dass ich dann jeden Tag 15 Seiten schreiben muss. 
Aber irgendwie funktioniere ich auch so, denn unter Druck entsteht bei mir die Kreativität. Das ist ganz oft so, dass ich wirklich in der Woche vor Abgabe, wenn ich noch nicht weiß, wie komme ich hinten raus, dass ich dann in der Nacht schlecht schlafe und aufwache und denk Bingo, so mache ich es.

Steffi: Was liebst du an deinem Job und was magst du eher weniger?
Wiebke: Ich mag unheimlich gerne Lesungen und quatsch gerne mit Leuten, denn ich bin halt Rheinländer.
Was mir wirklich am wenigsten an meinem Beruf gefällt, ist jedoch die Einsamkeit, denn so  sitze ich in meinem Büro zu Hause Stunde um Stunde alleine vor meinem PC.

Es gibt da so einen Satz von Peter Prange "Ich liebe es nicht zu schreiben, ich liebe es geschrieben zu haben" und dem würde ich mich hier ganz gerne anschließen.

Steffi: Welches Buch liegt aktuell bei dir auf dem Nachtisch?
Wiebke: Ich lese mehrere Bücher parallel:
Steffi: Als Thrillerleserin hast du doch auch bestimmt ein paar Thrillertipps für uns:
Wiebke:
Steffi: Welches Buch hat bei dir in letzter Zeit besonders Eindruck hinterlassen?
Wiebke:
Steffi: Abschließend: 5 Dinge, die wir über dich wissen sollten?
Wiebke:
  • Ich trinke am liebsten Cola light.
  • Ich esse am liebsten Frikadellen oder etwas aus Hackfleisch.
  • Ich schlafe wahnsinnig gerne.
  • Ich bin für jeden Spaß zu haben.
  • Ich freue mich jeden Tag, dass ich diesen schönen Beruf haben darf.
An dieser Stelle möchte ich mich nochmals herzlich bei 
für das Interview bedanken!

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